Geschichte der Stadtwildnis

Bei der heute idyllisch-grünen „Stadtwildnis“ handelt es sich um eine ehemalige Bahnfläche, die einst zum „Potsdamer Güterbahnhof“ gehörte. Der Potsdamer Personenbahnhof wurde 1838 als erster Berliner Bahnhof an der Berlin-Potsdamer Eisenbahn eröffnet, der sogenannten „Stammbahn“. Das Empfangsgebäude dieses Kopfbahnhofs lag am damaligen Stadtrand südlich der Stresemannstraße, in der Nähe des Potsdamer Platzes. Von dort erstreckten sich die Gleisanlagen in Richtung Südwesten. Am Schöneberger Ufer wurden 1869 neue Anlagen für den Güterverkehr in Betrieb genommen. Die drei Bahnhöfe der Anhalter, Potsdamer und Dresdner Bahn wuchsen rasch zu einem riesigen Eisenbahnzentrum zusammen. Die Karte von 1896 zeigt, wie sich die Gleisfelder von den Kopfbahnhöfen im Norden über den Landwehrkanal hinweg zu ausgedehnten Rangierflächen und Güteranlagen ausbreiteten. Rund 45 Brücken wurden über die Yorckstraße gebaut, um den Zugverkehr nach Süden zu leiten. Nach 1900 kamen die Hoch- und Untergrundbahn mit dem Bahnhof „Gleisdreieck“ dazu. Joseph Roth nannte das Gebiet 1924 in seinem Feuilleton-Artikel „Bekenntnis zum Gleisdreieck“ eine „eiserne Landschaft“. Nur „schüchtern und verstaubt“, schrieb Roth, würden „die zukünftigen Gräser zwischen metallenen Schwellen blühen“ (abgedruckt in: BIENERT 2010). Roth ahnte da noch nicht, wie schnell die Natur sich das Gleisdreieck einmal zurückerobern würde...

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Potsdamer Personenbahnhof bei Bombenangriffen stark beschädigt und nicht wieder in Betrieb genommen. Mit der Teilung Berlins gab es keine Möglichkeit für einen Wiederaufbau der Bahnanlagen. Das Gebiet des Gleisdreiecks verwandelte sich in ein Niemandsland, in dem über Jahrzehnte ungestört die Natur regierte. Auf Sand und Schotter, aus Pflaster- und Beton-Fugen, zwischen Gleisen und auf Geröllfeldern wuchs eine große Vielfalt an Pflanzen. Mit dem Wind und im Fell von Tieren, aber auch über die Bahn und Frachtgut wurden Pflanzensamen eingeschleppt, zum Teil aus anderen Regionen und Ländern.

Der Potsdamer Güterbahnhof wurde derweil noch weiterbetrieben und im November 1980 endgültig für den Güterverkehr geschlossen. In den Folgejahren wurden seine Randbereiche von kleinen gewerblichen Betrieben sowie von Kfz-Werkstätten genutzt.

Besonderheiten der Fläche

Nachdem die Bahnanlagen beräumt waren, entwickelten sich auf den weitgehend unbewachsenen, sandigen Flächen der Stadtwildnis zunächst lückige Kräuter- und Gräserbestände, später auch sogenannte „Pioniergehölze“. Das sind lichtliebende Bäume und Sträucher, die Freiflächen als erste Gehölze besiedeln. Meist produzieren sie viele, leichte Samen, die vom Wind weit getragen werden, sind sehr lichtbedürftig und wachsen rasch, haben aber nur eine geringe Lebenserwartung. Entlang der Gleise entstanden so Vorwälder mit Birken, Zitter-Pappeln und Robinien.

Vor einem Jahrzehnt war das Gebiet der Stadtwildnis noch auf rund zwei Dritteln vegetationsfrei. Heute ist die Fläche nahezu vollständig bewachsen. Die Luftbilder von 2004 und 2015 zeigen die Veränderung von der weitgehend unbewachsenen Fläche zur dicht begrünten Stadtwildnis.

Allmählich werden sich – über weitere Jahrzehnte – im Schatten der Pioniere anspruchsvollere, langlebigere Waldbaumarten wie Eiche, Linde und Ulme ansiedeln. Einige kleinere Exemplare dieser Arten sind hier heute schon zu finden. Eine solche Entwicklung von Pflanzengesellschaften an einem Standort nennt man „Sukzession“.

Pflanzen aus aller Welt

Die Stadtwildnis wird sowohl von alteingesessenen Berliner Pflanzen als auch von Pflanzenarten besiedelt, die von weither „angereist“ und in der Berliner Innenstadt heimisch geworden sind. Diese Pioniere haben sich trotz ungünstiger Bedingungen – trockene, nährstoffarme Böden und warme stadtklimatische Verhältnisse – hier ausgebreitet. Zu den alteingesessenen krautigen Pionieren zählen Natternkopf, Landreitgras, Rainfarn, Seifenkraut und verschiedene Königskerzen wie die Großblütige oder die Mehlige Königskerze. Unter den Gehölzen sind dies insbesondere Birke, Zitterpappel, Wildrosen sowie die Salweide. Ein großer Teil der Pflanzen der Stadtwildnis stammt ursprünglich aus Asien, wie Götterbaum und Sommerflieder. Schmalblättrige Ölweide und Steinweichsel haben sich aus Zentralasien kommend ab dem 17. Jahrhundert im Mittelmeerraum ausgebreitet. Danach sind sie weiter nach Norden in wärmebegünstigte Regionen gewandert, zu denen auch innerstädtische „Wärmeinseln“ gehören. Robinie und Kanadische Goldrute kommen aus Nordamerika, von wo sie bereits im 17. Jahrhundert von ForscherInnen und NaturwissenschaftlerInnen nach Europa gebracht wurden. Eine der jüngsten „zugereisten“ Pflanzen ist das aus Südafrika stammende Schmalblättrige Greiskraut: Seit Anfang der 1990er Jahre besiedelt es die gesamte Berliner Innenstadt. Die gelben Korbblüten sind von Juni bis November überall im Gleisdreieckpark und in der Stadtwildnis zu sehen.

Tiere der Stadtwildnis

Die sich selbst überlassene und mit vielfältigen Pflanzenarten bewachsene „Wildnis“ bietet auch vielen Tieren einen abwechslungsreichen Lebensraum. Vögel, Mäuse oder Kaninchen tragen wiederum zur Verbreitung von Pflanzensamen bei, die zum Beispiel in ihrem Fell hängenbleiben. In den deckungsreichen Gebüschen und Vorwäldern brüten Singvögel wie Feldsperling, Grünfink, Girlitz, Mönchsgrasmücke und Klappergrasmücke. Es dominieren die Baum- und Buschbrüter. Höhlenbrüter sind hier noch wenig verbreitet, da an den jüngeren Bäumen bisher kaum Baumhöhlen vorhanden sind. Die Höhlenbrüter besiedeln eher Gebäude und Nistkästen in den Gärten. Auf offenen, trockenen Lebensräumen sind Laufkäfer sehr artenreich vertreten. 2006 wurden auf den lückigen Pionier- und Ruderalfluren der Stadtwildnis mehrere spezialisierte Rote-Liste-Arten nachgewiesen. Teilweise handelt es sich ursprünglich um Arten der sandig-kiesigen Substrate an Flussufern und -auen, die in Berlin Sekundärhabitate auf den Schotterböden von Bahnbrachen gefunden haben. Auch die Schmetterlingsfauna am Gleisdreieck besiedelt vor allem Offenlandflächen trocken-warmer Biotope, wie zum Beispiel verschiedene Weißlinge, der Hauhechelbläuling und das Große Ochsenauge. Zu den wertvollen Schmetterlingsbiotopen zählten lückig bewachsene Sandbrachen, aber auch Birken- und Zitterpappel-Vorwälder und Gebüsche. Bemerkenswerte Heuschrecken sind die Westliche Beißschrecke und die Blauflügelige Ödlandschrecke, zwei Arten der Berliner Vorwarnliste. Diese wärmeliebenden Arten bevorzugen trockene, schütter bewachsene Gras- und Ruderalfluren sowie Trockengebüsche.