Montag, 12. August 2019

Presseinformation

Pilotprojekt

Beweidung durch Skudden auf dem Tempelhofer Feld

Alte Haustierrasse als tierische Landschaftspfleger

Ab dem 12. August 2019 weiden 25 Skuddenschafe im Rahmen eines Pilotprojektes auf dem Tempelhofer Feld und ergänzen die Landschaftspflege des ehemaligen Flugfeldes.

Das zunächst auf fünf Jahre angelegte Pilotprojekt wird in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und der Feldkoordination von der Fachabteilung „Beweidungsmanagement“ der Grün Berlin GmbH gesteuert und durchgeführt. Die Beweidung wird wissenschaftlich begleitet und kontinuierlich analysiert und evaluiert.

Beweidung im Entwicklungs- und Pflegeplan Tempelhofer Feld

Der Entwicklungs- und Pflegeplan Tempelhofer Feld befürwortet eine extensive Beweidung als natur-schutzfachlich sinnvolle Methode der Landschaftspflege, die insbesondere die bestehenden Biotope der Trockenrasen und Frischwiesen erhalten und fördern soll. Das Pilotprojekt soll auch geeignete Umwelt-bildungsmaßnahmen beinhalten.

 Das Pilotprojekt

Zunächst werden 25 Skudden auf dem bereits fest eingezäunten, ca. 23 Hektar großen Vogelschutzbereich im Südosten des Tempelhofer Feldes weiden. Die Anzahl der Skudden im Verhältnis zur Fläche entspricht einer extensiven Beweidung für extrem ertragsarme Standorte. Der bestehende Maschendrahtzaun um den Vogelschutzbereich dient als feste äußere Einzäunung. Im Inneren wird ergänzend ein mobiler Stromzaun installiert.

Bei einem extensiven Umtriebweidesystem erfolgt ein Flächenwechsel nach mehreren Wochen, so dass den Tieren immer wieder neues Futter angeboten wird. Dazu wird die gesamte Weidefläche in mehrere Koppeln unterteilt. Die Skudden bleiben solange in einer Koppel, bis diese abgeweidet ist. Anschließend erfolgt der Umtrieb in die nächste Koppel.

Im Pilotjahr 2019 wird mit dem Auftrieb der Tiere nach der Brutzeit der geschützten Feldlerche begonnen. Die Tränkwasserbereitstellung erfolgt über einen Wasserwagen, der sein Wasser aus dem Brauchwassersystem des Tempelhofer Feldes erhält. Die Wasserqualität ist nach aktuellen Untersuchungen (2019) als Tränkwasser geeignet. Der notwendige Unterstand zum Schutz der Tiere gegen Witterungseinflüsse oder zu intensive Besonnung wird durch Weidezelte gewährleistet. Eine ausgebildete Fachkraft wird sich täglich um die Tiere kümmern.

Im Winter verlassen die Schafe wieder das Tempelhofer Feld und kehren in ihr ursprüngliches Zuhause im Britzer Garten und im Arche-Park am Kienberg (Kienbergpark und Gärten der Welt) zurück. Im Frühjahr 2020 - vor Beginn der Brutzeit der Feldlerchen - werden die Schafe wieder auf das Tempelhofer Feld gebracht

 

Bürger*inneninformation vor Ort

Interessierte können sich mit Fragen zur Beweidung, der Landschaftspflege und naturschutzfachlichen Aspekten auf dem Tempelhofer Feld zu bestimmten Zeiten an die Mitarbeiter*innen der Grün Berlin und externe Fachkräfte wenden.

Die ersten Termine für die Informationsgespräche sind:

16. und 30. August, 13. und 27. September, jeweils um 16.30 Uhr

Anmeldung: Beweidung-Tempelhof@gruen-berlin.de

Weitere Umweltbildungsangebote werden folgen.

Beweidung fördert die biologische Vielfalt

Auf dem Tempelhofer Feld hat sich seit Beendigung des Flugbetriebs eine besondere Flora und Fauna entwickelt. Zwischen den ehemaligen Start- und Landebahnen kommen schützenswerte Tierarten und zahlreiche, teils seltene Pflanzenarten vor. In Absprache mit den Fachleuten für Natur- und Artenschutz der Obersten Naturschutzbehörde des Landes Berlin werden die mehr als 120 Hektar großen extensiven Wiesenflächen in zwei Etappen gemäht. Der richtige Zeitpunkt ist gekommen, wenn die Jungvögel der Feldlerche, die als Bodenbrüter von April bis Juli im Schutz der Wiesen gebrütet haben, flügge geworden sind. Es wird zunächst eine Wiesenhälfte gemäht und nach ca. drei bis vier Wochen die andere Hälfte. Dies ermöglicht es Insekten, von den schon gemähten Teilflächen in die noch ungemähten Bereiche zu wechseln.

Die extensive Beweidung durch Schafe ist eine schonendere Landschaftspflege. Durch das Grasen der Tiere ändern sich die Flächenbedingungen nicht plötzlich und radikal, sondern langsam und kontinuierlich. Es entsteht kein „Kahlschnitt“, wie beim Einsatz von Traktoren, sondern ein vielfältiges, mosaikartiges Flächenbild, weil die Schafe selektiv grasen. Manche Bereiche werden von den Tieren stark frequentiert, so dass sich offene Bodenflächen bilden, die von Vögeln, Insekten und Reptilien gern zum Sonnen-baden genutzt werden. Andere Flächen sind für die Weidetiere weniger interessant. Dort können sich dichte und hohe Gräser- und Wildblumenareale entwickeln, die Vögeln, Insekten und Reptilien als Rückzugsorte dienen können. Wissenschaftliche Studien aus anderen Beweidungsprojekten in ganz Deutschland belegen, dass eine extensive Beweidung die biologische Vielfalt positiv beeinflusst.

Skudden – eine vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen

Skudden stellen die kleinste deutsche Schafrasse dar und stammen ursprünglich aus Ostpreußen und dem Baltikum. Die Rasse stand nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Aussterben und konnte in Deutschland nur durch einen kleinen Zuchtstamm im Tierpark Hellabrunn (München) erhalten werden. Es gibt weiße, braune und schwarze Farbschläge. Nur die Böcke sind behornt, bei den weiblichen Schafen kommen vereinzelt kleine Hornstummel vor. Die Skudden sind zäh, robust, anspruchslos und sehr gute Futterverwerter, weswegen sie für die ganzjährige Weidehaltung und Landschaftspflege bestens geeignet sind.

Wie bei Wildtieren und Wildpflanzen gibt es auch Nutztierrassen, die vom Aussterben bedroht sind und auf Roten Listen geführt werden. Der Grund für die Gefährdung ist in den Veränderungen der Landwirtschaft zu finden. Früher wurde mit einer großen Vielfalt an Nutztierrassen gearbeitet, die an unterschiedliche Standortfaktoren der jeweiligen Regionen angepasst waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Umstrukturierung der Landwirtschaft, die sich v.a. in Richtung einer intensiven Leistungszucht entwickelte. Heute wird nur noch mit wenigen hochleistungsfähigen Rassen gearbeitet. Alte Nutztierrassen haben jedoch viele erhaltenswerte genetische Eigenschaften, wie Langlebigkeit, Genügsamkeit, Widerstandsfähigkeit oder gute Muttereigenschaften. Dazu gehören auch die Skudden, die wir durch Nutzung und Zuchtarbeit erhalten.

Arche Park am Kienberg

Die Grün Berlin setzte sich in dem von der GEH zertifizierten Arche-Park am Kienberg aktiv für den Erhalt gefährdeter Rassen ein. Durch Sprechstunden, Zaungespräche und Informationsmaterialien wird Aufklärungsarbeit zu den Rassen Rotes Höhenvieh (Rinder), Dülmener Pferden, Dunkle Biene, Coburger Füchse (Schafe) und Skudden geleistet.

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