Baustandards
Fundament für übermorgen
Ein Gespräch mit Anja Siebert, Bereichsleiterin für den Hochbau bei Grün Berlin.
Frau Siebert, der Begriff Nachhaltigkeit wird heute in allen Lebensbereichen benutzt. Was bedeutet er mit Blick auf Bau- und Sanierungsprojekte, wie Grün Berlin sie umsetzt?
Nachhaltigkeit gehört zur DNA von Grün Berlin. Das zeigt sich unter anderem darin, dass wir Selbstverpflichtungen und Partnerschaften eingehen, die darauf abzielen, Ressourcen zu schonen und Umweltstandards einzuhalten. Ein Beispiel dafür ist die Klimaschutzvereinbarung, die wir im Oktober 2022 mit dem Land Berlin geschlossen haben.
Es ist für uns selbstverständlich, dass die Sanierung von Bestand immer dem Abriss und Neubau vorgezogen wird, wenn bestimmte ökologische und ökonomische Bedingungen erfüllt sind.
Zu ihren wichtigsten Inhalten gehört es, erneuerbare Energien auszubauen, die von uns betriebenen Liegenschaften und Gebäude energieeffizienter zu gestalten sowie bei der Entwicklung von Bau- und Infrastrukturprojekten nachhaltige Konzepte umzusetzen. Dabei versuchen wir immer, so effizient wie möglich vorzugehen, denn auch das zahlt auf die Nachhaltigkeit ein.
Wie gehen Sie vor, um geeignete Standards für die tägliche Arbeit zu finden?
Unser Anspruch ist es, die in der Klimaschutzvereinbarung eher allgemein formulierten Kategorien mit Leben zu füllen und aus ihnen eine möglichst flexibel anwendbare Strategie zu formen. Wir haben es bei Grün Berlin täglich mit sehr vielen unterschiedlichen Projekten und Liegenschaften zu tun, daher ist dies eine große Herausforderung. Orientierung bieten uns dabei Zertifizierungssysteme, wie sie zum Beispiel das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) und die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) entwickelt haben.
Wie können daraus für Grün Berlin geeignete Bau- und Sanierungsstandards entstehen?
2024 haben wir hierfür einen wichtigen Meilenstein gesetzt. Wir haben die Voraussetzungen für eine Modellstudie gestartet, die uns Erkenntnisse für verbindliche Standards liefern wird. Anhand von ausgewählten Projekten, die sich derzeit in der Vorbereitungs- bzw. Startphase befinden, werden wir 2025 die für uns passenden Standards definieren, die dann auch auf andere Vorhaben anwendbar sein werden.
Welche Projekte haben Sie ausgewählt?
Unsere Vorhaben sind sehr divers, was Aufgabenspektrum, fachliche Komplexität, Nutzungsanforderungen und städtebauliche Relevanz betrifft. Es war uns wichtig, dieses breite Spektrum auch in den ausgewählten Projekten abzubilden. Deshalb haben wir uns für ein Bürogebäude auf dem Tempelhofer Feld, das energetisch saniert und teilweise baulich angepasst werden soll, entschieden. Hierbei ist die ganzjährige Nutzung relevant. Bei einem anderen Projekt, der Sanierung des Karl-Foerster-Pavillons im Britzer Garten, stehen im Gegensatz dazu der saisonale Betrieb und ein Lowtech-Ansatz im Vordergrund. Was den Faktor Nachhaltigkeit betrifft, unterscheiden sich die bauphysikalischen Anforderungen bei diesen zwei Vorhaben stark. Das dritte beispielhafte Objekt, das wir für die Entwicklung der Standards ausgewählt haben, ist der Neubau eines Eingangsgebäudes für den Spreepark. Weitere Projekte aus dem Landschaftsbau ergänzen das Spektrum. Themen, die uns bei diesen Projekten beschäftigen, sind unter anderem: Welche Rolle spielen Photovoltaik und Dachbegrünung? Wie groß soll der Anteil an Holz beim Bau sein? Wie viel Bestandserhalt ist möglich? Welchen Einfluss hat das Nutzungskonzept?
Ganz grundsätzlich: Welche Beurteilungskategorien spielen eine Rolle, wenn Sie Ihre Modellstudie auswerten?
Relevant sind die Energieeffizienz und die technische Ausrüstung der Gebäude, außerdem die Nachhaltigkeit der Baustoffe und der Arbeitsschritte – von den Lieferketten über die Recyclingfähigkeit bis hin zur Frage nach der Entsorgung oder Nutzung von Schutt und Aushüben. Wie effizient unsere internen Prozesse bei der Projektentwicklung sind, ist ein weiteres Kriterium. Ebenso spielen soziokulturelle Faktoren eine Rolle, unter anderem die Beteiligung von Dritten, Barrierefreiheit und vieles mehr. Es ist für uns selbstverständlich, dass die Sanierung von Bestand immer dem Abriss und Neubau vorgezogen wird, wenn bestimmte ökologische und ökonomische Bedingungen erfüllt sind. Bei diesen Kalkulationen rechnen wir auch die langfristigen positiven Effekte mit ein, die heutige Investitionen morgen haben werden. Effizient zu bauen und zu sanieren bedeutet für uns zukunftsfähige Stadtentwicklung mit einem echten Nutzen für kommende Generationen.
Wie formulieren Sie die Standards konkret?
Wir gehen in zwei Schritten vor. Schritt eins: Für jedes der drei Projekte entwickeln wir vorab ein erstes Zielbild und in der frühen Planungsphase ein sogenanntes Pflichtenheft. Die dort festgelegten Pflichten, also Zielvorgaben, geben wir den Planungsbüros an die Hand. Schritt zwei: Während die Bauprojekte umgesetzt werden, werten wir laufend aus, welche der besagten Zielvorgaben sich am besten dafür eignen, als allgemeine Standards in den Katalog für die zukünftige Vorgehensweise aufgenommen zu werden. Das klingt langwierig und kompliziert. Es ist aber auch effizient, weil wir nur so der Vielfalt unserer Projekt- und Liegenschaftslandschaft gerecht werden und die Standards auch wirklich nutzen können.
Effizient zu bauen und zu sanieren bedeutet für uns zukunftsfähige Stadtentwicklung mit einem echten Nutzen für kommende Generationen.
Um es noch anschaulicher zu machen: An welchem Projekt von Grün Berlin könnte man das nachhaltige Bauen am besten erklären?
Da wir in Berlin eine bedeutende Kraft der nachhaltigen Stadtentwicklung sind, könnte ich alle Projekte nennen, an denen wir derzeit arbeiten. Ein besonders gutes Beispiel ist aber die Lokhalle im Natur Park Südgelände, die in den kommenden Jahren denkmalgerecht saniert und um ein Ateliergebäude erweitert wird. Hier haben wir in der Planung kluge und sparsame Lösungen für spezifische Anforderungen gefunden, die den Park behutsam weiterentwickeln. Zum Beispiel: Die Südwand und damit das gesamte denkmalgeschützte Gebäude ist durch Wind und Wetter einsturzgefährdet.
Durch einen Anbau in Holzbauweise können wir die Statik wiederherstellen. Außerdem schaffen wir hier mittelfristig mit Künstlerateliers, Veranstaltungsräumen und Gastronomie einen sozialen Anziehungspunkt. So machen wir den gesamten Park für Besucher*innen attraktiver und insgesamt rentabler.